Singen macht glücklich

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Die Liebe zum Chorgesang: Als eingeschworenes Team durch alle Stilrichtungen - Ein Lehrstück über Kontinuität

Hans-Peter Frank und Josef Hubka haben über 65 Jahre gemeinsame Sängerjahre hinter sich. Sie sind sozusagen „singende Legenden“ des Gesangvereins TeuTonia Nordeck, einem kleinen Dorf im nordöstlichen Landkreis Gießen. In all den Jahren verging kaum eine Chorprobe, in der die beiden 2. Bässe nicht anwesend waren und den Chorklang der TeuTonia mit ihren markanten Stimmen bereicherten. Verschiedene Chorleiter, neue Vorsitzende, wechselnde Probentage, unterschiedliche Chorliteratur: nichts vermochte die Treue der beiden Männer zu ihrem Chor zu stören.


„Anpassungsfähigkeit und sich auf Neues einlassen können“ so bringt der 80jährige Hans-Peter Frank das Geheimnis von Kontinuität und Treue zu einem Verein auf den Punkt. In seinem Fall ist dies der Gesangverein TeuTonia Nordeck, dem er seit den frühen 1950er Jahren aktiv (!) angehört. Das ist an sich schon etwas Besonderes, doch er ist nicht allein: Die gleiche imposante Zeitspanne hat Josef Hubka als aktiver Sänger aufzubieten. Zwar begann Frank als „junger Kerl“ seine Sängerlaufbahn zunächst als 2. Tenor, wurde dann aber schließlich im 2. Bass heimisch. Hubka, Geburtsjahrgang 1937, startete gleich als tiefer Bass. Beide wurden „angeworben“, also von anderen aktiven Sängern zur Chorprobe eingeladen. Im Falle Hubkas war es sein Chef Gotthold Schönwandt, der den damaligen Lehrbub animierte, mitzusingen. An die Aufnahme in den Verein  – genaugenommen in zwei Chöre, denn es gab seinerzeit sowohl einen Männerchor als auch einen Gemischten Chor, erinnern sie sich noch gerne. Man habe es als neuer Sänger nicht schwer gehabt, sondern sei warmherzig und freudig aufgenommen worden. Schon damals habe es ein beeindruckendes Zusammenwirken verschiedener Generationen gegeben, berichtet Frank.

Der erste Chorleiter, unter dessen Dirigat die beiden damals sangen, war Heinrich Schomber aus dem nahegelegenen Beuern. Dieser hatte bereits vor dem zweiten Weltkrieg die Chorleitung innegehabt und konnte beim Neustart zum Jahr 1947 erneut gewonnen werden, beide Chöre zu leiten. Schomber war zwar nur nebenberuflich Chorleiter, doch brachte er enormen Einsatz und Leidenschaft mit. „Die Literatur war anspruchsvoll“ erinnert sich Frank. Auch sei die Einstudierung präzise gewesen, Einzelstimmenproben begleitete Schomber mit der Geige. Die Qualifikation zu großen Ereignissen wie Bundesleistungssingen und Bundeschorkonzerten in den 1970er Jahren war der Lohn für das gesangliche Engagement.

Obwohl es in den 1950er Jahren mehr oder weniger üblich gewesen sei, in Dorfvereine einzutreten, so beschreiben die beiden Männer die Zugehörigkeit zum Nordecker Gesangverein doch als etwas Besonderes. „Es hat mich nie mehr losgelassen“, schwärmt Frank. Nicht nur die Liebe zum Chorgesang – auch die Geselligkeit und das Zusammengehörigkeitsgefühl wurde zum wichtigen Faktor im Leben beider. Kein Wunder also, dass die wöchentliche Chorprobe einen enormen Stellenwert bekam. „Die Familie nimmt Rücksicht, sonst geht das nicht“, schmunzelt Frank. „Die wissen schon, dass man am Tag der Chorprobe keine Geburtstagsfeier abhalten darf“. 

Die Verankerung des Vereins in der Dorfgemeinschaft und dem Brauchtum im Jahreslauf war in früheren Jahrzehnten durchaus stärker als in der Gegenwart: Der traditionelle „Familienabend“ und das „Kirschentänzchen“ der TeuTonia waren Pfeiler im dörflichen Leben und sind heute Legenden. Hubka erinnert sich noch gut an den Beginn der „Familienabend“-Tradition. Im damaligen Wirtshaus Stelzenbach habe man diesen Abend begangen, in der Tat sei dieser auf die ganz Familie ausgerichtet gewesen und habe Unterhaltung in einer nicht ganz einfachen Zeit geboten. Später, als dieser im Bürgerhaus stattfand, blieb er ein „Publikumsmagnet“. Die Kombination aus verschiedenen Liedvorträgen, Sketchen und kleinen Theaterstücken machte die Veranstaltung kurzweilig. Nicht zuletzt trug dazu auch Hans-Peter Frank bei, der als Witze erzählender Conférencier sozusagen in die Geschichte eingegangen ist. „Humor habe ich schon immer gehabt“, lacht Frank. Und so verwundert es nicht, dass er das kleine Männerensemble „Potpourri“ eigens für den Familienabend ins Leben rief, für dessen Repertoire neue Texte auf bekannte Melodien dichtete und die launigen Liedvorträge (für die als Gag auch schonmal ein lebender Esel auf die Bühne gebracht wurde) mit der Gitarre begleitete. Spontanes gemeinsames Singen bei allen möglichen Gelegenheiten war zu dieser Zeit noch üblicher als heute.

Bei all diesen gemeinsamen geselligen Aktivitäten und fast ausnahmslos besuchten Chorproben entstanden beständige Freundschaften, die das ganze Leben geprägt haben – auch darin sind sich beide einig. Der Besuch von Sängerfesten war ebenso selbstverständlich wie die regelmäßige Teilnahme an Wettstreiten. Doch es war nicht nur die Geselligkeit und Verankerung im Dorfleben, die die zwei stets motivierte, regelmäßig die Chorproben zu besuchen und an Auftritten teilzunehmen. „Ich finde es wichtig, auch immer wieder mal auf der Bühne zu stehen und den Applaus entgegenzunehmen – das ist einfach schön“, betont Frank. In über 65 Jahren haben die beiden unter fünf verschiedenen Chorleitern gesungen uns sind ein eingeschworenes Team geworden. Die Literatur wechselte, die Schwerpunkte wechselten. Jeder Chorleiter hatte Eigenheiten oder brachte neue Methoden ein. „Man muss sich auf Neues einlassen, das ist wichtig.“ Hatte man zunächst nur deutschsprachige Literatur einstudiert, so kam später Latein, Französisch und Englisch hinzu. In den letzten Jahren wurde die sprachliche Bandbreite auf Sprachen Skandinaviens und dem Baltikum erweitert.

Die 90erJahre (es gab nunmehr nur noch den Gemischten Chor) unter dem Dirigat von André Kutsch brachten mitunter manche Weichenstellung, aber auch den „Grundstein“ für das hohe Niveau der TeuTonia, erinnert sich Hubka. Die beiden Sänger stellten sich allen Herausforderungen, wagten Neues. Man habe Oratorien gesungen und mit großem Erfolg die ‚Carmina Burana‘ aufgeführt. Stolz erinnern sich beide an die Weiterentwicklung des Gemischten Chores; der Leistungsgedanke hielt mehr und mehr Einzug und der Chor konnte einige Erfolge verbuchen. Torsten Schön, der die TeuTonia nun seit knapp 20 Jahren mit großem Erfolg leite, habe wiederum neue anspruchsvolle musikalische Schwerpunkte gesetzt und begeistere immer wieder mit tollen Chorproben. Auch für die moderne Chorliteratur v.a. aus Skandinavien und dem Baltikum konnten sich die beiden Bässe, die in ihrer Sängerlaufbahn wohl alle Stilrichtungen des Chorgesangs kennengelernt haben dürften, erwärmen. Die beiden wissen, dass sie sängerisch maßgeblich am Erfolg des Chores beteiligt waren und sind - stetiges positives Feedback von Zuhörern und Leistungsrichtern bezüglich der markanten Bassstimmen mit beeindruckendem Tonumfang in der Tiefe beflügelte Ambition und Leidenschaft. Eins wird klar: Chorsingen macht nicht nur glücklich – es füllt die Biographie mit einzigartigen Erlebnissen und Erinnerungen.

Josef Hubka, der seinerzeit ohne Notenkenntnisse zur TeuTonia kam, übte selbstverständlich neue Stücke regelmäßig zu Hause auf dem Klavier; er brachte sich zu diesem Zweck selbst die Noten des Bassschlüssels bei. „Ich liebe die Musik als solche“ sagt Hans-Peter Frank. Am Ende verrät er noch sein Lieblingslied: „‘Die Nacht‘ von Schubert“ und mit einem Augenzwinkern fügt er hinzu: „Und ‚Öhtul‘ von Pärt Uusberg aus unserem aktuellen Repertoire….wie gerne singe ich das!“

Bettina Hofmann-Käs